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urban sprawl
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| © Maria Schmidt |
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Maria Schmidts Arbeiten befassen sich u.a. mit der skulpturalen Abstraktion
von Landschaft, für die sie auf architektonische Gestaltungsprinzipien und technische Konstruktionsweise zurückgreift.
Die Ausstellung "urban sprawl" beschreibt Urbanisierungsprozesse wie Flächenverbrauch und Bodenversiegelung etc. als bildliche Abstraktion.
Bild: "Oberes Feld", 2002/03 Material: Kunststofflaminat auf Hartschaum, lackierte Pappe, diverses Holzmaterial
Eröffnungsrede
Die Eröffnungsrede hielten Nicole Büsing und Heiko Klaas.
Die Ost-West-Straße ist sicherlich eine der meist befahrenen Straßen in
Hamburg und gewiss auch eine der umstrittensten. Synonyme wie "der große
Durchbruch", "der Schnitt durch die Stadt" oder "der hässliche große Graben"
werden seit Jahrzehnten bemüht, um diese ursprünglich 2,23 Kilometer lange
Entlastungsstraße für die Hamburger Innenstadt zu charakterisieren.
1991 ist sie offiziell etwas kürzer geworden. Der Abschnitt zwischen Zeughausmarkt
und Rödingsmarkt heißt seitdem Ludwig-Erhard-Straße. Die etwas großspurige
und rein sachliche Bezeichnung "Ost-West-Straße" kam übrigens durch einen
Kompromiss zustande. Da man sich in der jungen Bundesrepublik weder auf die
Beibehaltung historischer Straßennamen noch auf einen neuen Namen einigen
konnte, blieb es bei der pragmatisch-kühlen Bezeichnung "Ost-West-Straße",
die sich schon seit 1911 im Sprachgebrauch der Planungsabteilungen etabliert
hatte.
Erste Pläne, dem "Sachzwang des ungehindert fließenden Verkehrs" die
Schleusen zu öffnen, sind nämlich über 90 Jahre alt. Und Fritz Schumacher,
der in den 20er Jahren Oberbaudirektor von Hamburg war und übrigens vor dem
Ersten Weltkrieg den Durchbruch der Mönckebergstraße konzipiert und geleitet
hatte, hatte auch für die Ost-West-Straße große Pläne.
Orientiert an amerikanischen Vorbildern, träumte man in den 20er Jahren noch von der
Errichtung aufgestelzter Hochstraßen. Doch daraus wurde nichts. Schumacher
wurde im Jahre 1933 von den Nationalsozialisten beurlaubt. Deren
größenwahnsinnige Pläne, eine monumentale "Ost-West-Achse" zu errichten,
wurden zum Glück ebenfalls nie realisiert. Doch die verheerenden
Bombennächte im Juli 1943 hinterließen Trümmer und schufen Tatsachen. So
konnten die Planer der Wirtschaftswunderjahre das ehrgeizige Projekt
Ost-West-Straße wiederaufnehmen. Offiziell erhielt sie dann ihren Namen
1958.
Wozu gehen wir an dieser Stelle so ausführlich auf die Planungs- und
Baugeschichte einer Hamburger Straße ein? Von den hier Anwesenden wohnt
sicherlich niemand an der Ost-West-Straße. Einige von uns arbeiten hier, und
die meisten von uns kommen hier regelmäßig vorbei: als Passanten, Rad- oder
Autofahrer. Für die meisten von uns ist sie also Transitraum und
Durchgangszone.
Eine ganz besondere Beziehung zu diesem Ort hat jedoch in
den letzten Wochen und Monaten die Hamburger Künstlerin Maria Schmidt
entwickelt. Unten im Schaukasten präsentiert sie unter dem Ausstellungstitel
"urban sprawl" ein monochrom hellorange eingefärbtes, netzartiges Gebilde
aus Papier über die gesamte Länge und Höhe der Glasvitrine. Geübte
Stadtplanleser und Kartografen werden es vielleicht sofort erkannt haben:
Was auf den ersten Blick aussieht wie eine der berühmten geschlitzten
Leinwände Lucio Fontanas oder wie ein weites Flussdelta mit vielen Neben-
und Seitenarmen, ist in Wirklichkeit die Ost-West-Straße mit ihren
Nebenstraßen. Die auf der Rückwand des Schaukastens grau hinterlegten
Flächen repräsentieren die Bebauung in diesem innerstädtischen Areal. Die
hellgelben Flächen wiederum stellen die Gleise im Bereich der Deichtorhallen
dar.
Maria Schmidt hat den kartografischen Blick auf den Ausstellungsort und
seine Umgebung ins Zentrum ihrer Arbeit gestellt. Die Welt wird seit
Jahrtausenden, besonders intensiv aber seit der Renaissance, auf Karten
vermessen, erfasst, nachgezeichnet und gedeutet. Um sich ein
subjektiv-eigenwilliges Bild von der Welt zu machen, sei es als
Orientierungshilfe oder als artistischer Kommentar zur Möglichkeit und
Unmöglichkeit des Navigierens von Nord nach Süd, von Ost nach West,
beschäftigen sich gerade in jüngster Zeit auch verschiedene Künstler mit dem
Thema der Kartierung.
Moderne Kartografen-Künstler sind also weltweit
unterwegs. Und ihre Arbeiten konnten in den letzten Monaten in
Ausstellungen wie "Mapping a City - Hamburg-Kartierung" im Kunstverein in
Hamburg oder "Die Sehnsucht des Kartografen" im Kunstverein Hannover
wahrgenommen werden. Maria Schmidt, die sich schon seit langem mit den
Themen Landschaft, Kartografie und Wegestrukturen beschäftigt, sieht die
Ost-West-Straße in all ihrer Heterogenität, mit all ihren Wunden und Narben,
den wenigen modernistischen Juwelen im cool-eleganten "International Style"
und den architektonischen Stilbrüchen als "moderne Stadtlandschaft".
"Das Wichtigste war mir die Nutzung des Ortes als Durchgangs- und
Arbeitsort", erläutert die Franz Erhard Walther-Schülerin. Bei all der
inhaltlichen Auseinandersetzung geht es Maria Schmidt vor allem aber um die
formalen Aspekte ihrer Arbeit. Wer sich hier einmal umschaut, wird,
abgesehen von einem Briefkasten, einer Hamburg-Flagge und einigen
Leuchtreklamen und Maklerschildern in dieser Gegend wenige farbige Akzente
entdecken. Man mag das auf hanseatisches Understatement zurückführen oder
als typisch norddeutsche Tristesse verbuchen. Maria Schmidt jedenfalls
bringt, für alle auch von Weitem sichtbar, eine Signalfarbe ins Straßenbild.
Die von ihr gewählte Farbe korrespondiert nicht nur mit der Farbgebung von
Verkehrsschildern, sondern findet auch auf Stadtplänen und Landkarten
häufige Verwendung. Durch das dezidiert malerische Vorgehen und den
gekonnten Umgang mit Proportionen und Schichtungen im Raum grenzt sich Maria
Schmidt in ihrer künstlerischen Praxis ganz bewusst von anderen Künstlern
ab, die selbst in die Rolle von Stadtplanern, Sozialarbeitern oder
Feldforschern schlüpfen. So konzeptuell ihre Vorgehensweise auch sein mag,
Maria Schmidt bleibt in ihrer Arbeit dem Bild verhaftet.
Sie immitiert keine wissenschaftliche Methodik und simuliert auch nicht den
Blick des Urbanisten. Indem sie dies vermeidet, eröffnet sie sich die
Freiheit, Dinge einfach wegzulassen, andere hinzuzuerfinden, verschiedene
Realitäten zu überblenden, kritische, utopische und andere Räume zu schaffen
oder, wie es die Pariser Philosophin Christine Buci-Glucksmann in ihrem 1996
erschienenen Buch "Der kartografische Blick der Kunst" formuliert: "das
Anderswo im Hier zu entdecken und das Hier an einen anderen Ort zu
versetzen."
Denn wer einmal genau hinsieht, wird erkennen, dass sich Maria Schmidt für
"urban sprawl" einige Freiheiten herausgenommen hat, die sich so mancher
Künstler-Soziologe vielleicht nicht herausgenommen hätte. Ähnlich wie auf
kreisförmigen arabischen Karten des 13. Jahrhunderts hat sie nämlich
kurzerhand den Süden nach oben und den Norden nach unten verlegt. Das aus
der Fußgängerperspektive wahrnehmbare architektonische Chaos überführt Maria
Schmidt in einen sauberen, dezentrierten und horizontlosen Schnitt, der das
Durcheinander des historisch Gewachsenen, der stadtplanerischen Eingriffe
und Durchpflügungen als abstrakt-konkreten Raum erfahrbar macht. Das
englische Verb "to sprawl", das Maria Schmidt im Titel ihrer Arbeit
verwendet, bedeutet übrigens so viel wie "sich erstrecken", "wuchern", "sich
ausdehnen".
Ihre Arbeit im Schaukasten an der Ost-West-Straße macht eines deutlich:
Karten oder Stadtpläne, egal ob sie als Messtischblatt oder als
künstlerische Arbeit daher kommen, sind immer nur Interpretationen der
Wirklichkeit. Sie sind Ersatz, Modell oder Projektion, besitzen
Verweischarakter und erfüllen Stellver-treterfunktion. Abstrakt in dem
Sinne, dass sie eine "unähnliche Ähnlichkeit" transportieren, sind sie
eigentlich immer. Doch wenn gute Künstler mit ihnen arbeiten, können sie zu
narrativen Szenarien, zum ästhetischen Erlebnis und zum utopischen
Gegenentwurf werden.
Maria Schmidts dreidimensionales Bild "urban sprawl" ist ein raffiniertes
Spiel mit den vorgefundenen Strukturen und komplexen Formen des städtischen
Raumes. Sie lädt dazu ein, den Schaukasten immer wieder abzuschreiten,
Flächen, Leerstellen, Farben und Konturen aus den verschiedensten
Perspektiven zu betrachten - wer will kann, dabei über verfehlte
Stadtplanung, Flächenverbrauch und Autoverkehr reflektieren. Den Betrachter
auf solcherlei Eindeutigkeiten oder Urteile festzulegen, liegt Maria Schmidt
jedoch fern.
© Zeitbewegungen 2003 - 2004
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