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Ein spontaner Satz, der gesprochen wurde: "Was macht man mit so einem angebrochenen Leben?"
Für Tobias Regensburger ist es der Titel für einen Arbeitszyklus seit dem Frühjahr 2003. Ich sitze auf dem Dach in der Sonne, trinke Kaffee und telefoniere. Wie meine ich das eigentlich, dass mit dem angebrochenen Leben? Würde ich jetzt jemanden fragen, wäre die Antwort: "Das fragst Du mich?" Also sollte ich bestenfalls erfolgreich weitermachen, gut bleiben, nicht nerven und alles entspannt beobachten. - Ist es jetzt halbvoll, oder ist es schon halbleer?
Von Albrecht Metzger
Meine Damen und Herren, ich spreche zu ihnen nicht als Kunsthistoriker, noch nicht
einmal als Kunstkenner, sondern als alter Freund von Tobias Regensburger, der sein
Schaffen über Jahre hinweg verfolgt hat. Entsprechend persönlich wird diese Rede
geprägt sein. Das ist vielleicht etwas ungewöhnlich, aber ich fühle mich speziell bei
dieser Ausstellung durchaus dazu berufen, die Einführung zu geben, denn sie
scheint mir eine sehr persönliche zu sein.
Mich erinnert das Schaufenster dort unten
sehr stark an das Zimmer von Tobias Regensburger. Ich meine damit nicht unbedingt
nur seine jetzige Wohnung, die gleichzeitig sein Atelier ist, sondern seine Zimmer an
sich. So lange ich Tobias Regensburger kenne, haben mich seine Zimmer an eine
Mischung aus Müllhalde und Kunstwerk erinnert. Oder vielleicht sollte ich besser
sagen - Sperrmüllhalde.
Tobias hatte und hat einen untrüglichen Instinkt für Dinge,
die im Sperrmüll verborgen sind, und die sich irgendwann einmal zu Kunst
verarbeiten lassen.
Außerdem ist er ein leidenschaftlicher Sammler... So haben sich
schon früh in seinen Zimmern alle möglichen Dinge angesammelt: Taschenlampen,
Puppen, alte Altanten, Fahrradreifen, künstliche Zähne usw. Außerdem ist Tobias
Regensburger ein leidenschaftlicher Sammler persönlicher Dinge, wie alte Pässe,
Geldbeutel, Unmengen Fotos oder verbrauchte Stifte. In einem Interview sagte er
einmal: "Dinge, die andere Leute wegschmei§en, sind mein Rohstoff." Diese
Ausstellung mit dem Titel "Das angebrochene Leben" ist für mich eine Art Rückschau
auf zwanzig Jahre Sammlerleidenschaft.
Bevor ich hier fortfahre, sollte ich vielleicht kurz den künstlerischen Hintergrund von
Tobias Regensburger nachzeichnen. Er studierte Bildhauerei bei Jan Koblasa an der
Muthesius-Schule in Kiel und hat dort 1994 Examen gemacht. Er hat sich früh von
der klassischen Bildhauerei verabschiedet und Maschinen zugewendet -
selbstgebastelten versteht sich. Er hat Gebrauchsgegenstände entworfen, die einem
das Leben erleichtern, wie zum Beispiel die "Jogginghilfe", ein fahrbarer Untersatz,
den man sich an den Rücken schnallen kann und der einem beim Laufen unterstützt.
Zuletzt baute Tobias Regensburger Maschinen, die an Weltraumkapseln erinnerten.
Auch wenn mich die futuristischen Maschinen faszinieren, so ist es ein anderes
Thema in der Kunst von Tobias Regensburger, das mir besonders nahe geht:
nämlich der Umgang mit der Angst. Tobias hat schon früh einen recht makabren
Humor entwickelt, der sich vor allen Dingen in seinen Zeichnungen niederschlug. Ich
erinnere mich an eine Zeichnung aus der Schulzeit, auf der ein Säugling zu sehen
ist, der einen Schnuller im Mund hat und auf dem Kopf eine Babymütze. Er sitzt auf
einer Art Autositz, vor ihm ein Maschinengewehr mit übergroßem Zielfernrohr. So
schießt der Säugling großkalibrige Munition durch die Gegend, die Überschrift zu
dem Bild lautet: "Lasst die Kinder in Frieden spielen."
Das war der harmlose Beginn. Später kamen Dinge hinzu, bei dem einem das
Lachen im Halsen stecken blieb, wie der Kopfschusssimulator oder die
Schrumpfköpfe, die auch hier ausgestellt sind. Ein anderes Bild, das unglaublich
ästhetisch und grausam zugleich ist, ist die Szene der Gehängten, die sie unten in
dem Schaukasten finden.
Für mich sind diese Kunstwerke der Versuch, mit Ängsten umzugehen, die wir alle in
uns tragen: Es ist die Angst vor Aggression, vor Gewalt, vor Krankheit und
Deformierung, vor Verfall - letztlich ist es die Angst vor dem Tod. Und der Tod ist
bekanntlich ein Tabu, dem wir gerne ausweichen. Tobias Regensburger hingegen
nähert sich diesem Thema mit seinem makaber-liebevollen Humor: Er verformt
alltägliche Gegenstände in kleine Monster, die einen auf den ersten Blick
verschrecken, auf den zweiten zum lachen bringen, und die einem schließlich Leid
tun. Ein Beispiel ist die kleine Puppe unten im Schaufenster, die ohne Kleidung
dasteht, mit silbernen Haaren und einem Gesicht, das zu einer Fratze geschminkt ist.
Eine Freundin nannte sie "Chucki die Mörderpuppe" nach einem gleichnamigen
Horrorfilm.
Für mich ist das ein sehr menschlicher Umgang mit Angst, der viel Empathie für die
"Opfer" verlangt; es ist kein sich Ergötzen an dem Tod oder an der schieren
Hässlichkeit der Objekte, sondern es steckt dahinter immer auch die Liebe eines
Schöpfers zu seinem Geschöpf. Bei manchen Objekten zeigt sich das allein darin,
dass sie mit Körperteilen ausgestattet sind, die früher einmal engen Freunden von
Tobias Regensburger gehörten. Dazu gehört zum Beispiel der Schrumpfkopf, der die
Haare eben eines solchen Freundes trägt.
Für mich steckt in dieser makaberliebevollen
Art des Umgangs mit dem Tod auch die Hoffnung, dass es so schlimm
vielleicht nicht werden wird, wenn wir einmal aus dem Leben scheiden. Vielleicht
verlangt uns der Tod sogar nur ein Lächeln ab, wir werden es sehen.
Kürzlich verschickte Tobias Regensburger eine SMS an einige Freunde mit der
Frage: "Was mache ich mit so einem angebrochen Leben?" Darauf gibt es zwei
Antworten: Entweder ich breche es ab, oder ich breche neu auf.
Ich würde mich
immer für die zweite Variante entscheiden. Denn die Angst vor dem Tod beinhaltet
gleichzeitig die Liebe zum Leben. Und wenn wir in das hier ausgestellte Kunstwerk
eine Chronologie reinbringen wollen, dann werden wir feststellen, dass das letzte
Objekt, das Tobias fertig gestellt hat, der Hund ist, der ganz rechts im Schaufenster
auf dem Laufband vor sich hin trottet. Er strahlt eine gewisse Gelassenheit aus. Alle
paar Minuten läuft er los und schnüffelt den Boden ab, auf der Suche nach etwas,
das ihn am Leben erhält, vielleicht eine Wurst oder einen weggeschmissenen Döner.
Er wirkt dabei zuversichtlich und davon überzeugt, das zu finden, was er zum
Überleben braucht. In diesem Sinne, Tobi: Schnüffel weiter!
© Zeitbewegungen 2003 - 2004
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